Florian Feicht leistete zwei Wochen humanitäre Hilfe in Italien

Man kann momentan nahezu täglich beobachten wie sich die Risse in den Mauern vergrößern. Bei jedem noch so kleinen Nachbeben treten diese Veränderungen ein. (Fotos: THW)Florian Feicht ist wieder heim daheim. In den frühen Sonntagmorgen-stunden kehrte er aus Italien zurück. Nein, der Helfer des THW-Ortsverbandes Bogen verbrachte keinen Urlaub in Cincinnati, Lido de Jesolo oder in der Toskana. Der 22-jährige Elektriker war zwei Woche in Onna bei L'Aquila und half dort den Menschen, die in wenigen Stunden nicht nur ihr gesamtes Hab und Gut, sondern die mindestens einen Familienangehörigen verloren haben. Als die Erde in der Region L'Aquila bebte, traf es den kleinen Bergort in den Abruzzen besonders schwer.

Noch klingt seine Stimme müde. Florian Feicht hat aber nicht nur Schlaf nachzuholen. Nach zwei Wochen nahezu permanenten Blick auf einen Haufen Steine, eingestürzte Mauern und zerborstene Fenster muss der junge Mann sein Erlebnis erst verdauen. "Es ist ein Wahnsinn, wie die Leute das vor Ort weggesteckt haben", scheint es für Feicht im ersten Moment der Beobachtung. Die Menschen arbeiten hart, haben wochenlang versucht, das eine oder andere Möbelstück, Dokument, Fotoalbum oder dergleichen aus den Ruinen zu bergen. Die heute etwa noch 200 Einwohner Onnas haben nicht nur einen Großteil ihres Hab und Gutes verloren. Der THW-Helfer weiß auch: "In jeder Familie fehlt nach dem Erdbeben mindestens eine Person." Und langsam kommt über seine Lippen das, was er als wichtigsten Eindruck aus Italien mitgebracht hat: "Den Menschen in Onna ist ein schweres Schicksal wiederfahren."

Bei ihrem Besuch anlässlich des G8-Gipfeltreffens in L'Aquila machte Bundeskanzlerin Angela Merkl einen Abstecher in das Bergdorf Onna. Dort ließ sie sich von den Helfern der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk über die aktuelle Lage informieren. Mit dabe"Doch das Leben in der Bergregion um L'Aquila geht weiter. Es muss weiter gehen. "Die Menschen sind noch stärker zusammen gewachsen", haben ihm die Ortsbewohner selbst erzählt. Momentan leben die Frauen, Männer und Kinder in Zelten, die als Notunterkünfte dienen. "Eigentlich schon zu lange", stellt Florian Feicht fest, denn er hat von den Einheimischen erfahren, dass in den Wintermonaten auch hier der Schnee zum Landschaftsbild gehört. In der Bergregion herrscht dann ein rauhes Klima. Während in den vergangenen zwei Wochen das Thermometer tagsüber über die 40-Grad-Marke hinaus anstieg, so rapide fiel die Temperatur dann nachts auch nach unten.

Zur Zeit steht den Gläubigen von Onna statt einer Kirche nur ein Zelt und ein danebenstehender Glockenturm zur Verfügung. Florian Feicht hat in den vergangenen zwei Wochen mitgeholfen einige Möbelstücke wieder herzurichten, für Sitzgelegenheiten gesorgt uFlorian Feicht und die anderen Helfer des Technischen Hilfwerks haben die Temperatur-schwankungen in den Abruzzen deutlich zu spüren bekommen: "Um die Mittagszeit war es unter freiem Himmel irrsinnig heiß und nachts musste man sich auf seinem Feldbett im Mannschaftszelt ganz schön in den Schlafsack einmummen, um nicht zu frieren."

Diesen Anblick wird Florian Feicht vom THW-Ortsverband Bogen nicht vergessen. Zwei Wochen half er mit, die Not der Bevölkerung zu lindern.Umso wichtiger ist es, dass die Menschen in Onna baldmöglichst wieder in feste vier Wände einziehen können. "Es wird mindestens noch drei bis vier Jahre dauern, bis den Familien wieder in ein eigenes Haus zur Verfügung steht. Bis dahin werden sie in Holzhütten, die jeweils für zwei Familien ausgerichtet sind, leben müssen. In den vergangen Wochen wurden zwei solcher Provisorien errichtet.

Ortsbeauftragter Jürgen Wegener (links) und Zugführer Daniel Wasl (rechts) freuen sich über die Rückkehr von Florian Feicht.Für die THW-Helfer gab es jedoch eine Menge anderer Arbeit auch noch zu erledigen: Für die Bewohner ist der Dorfplatz momentan ein wichtiger Treffpunkt. Hier werden die neuesten Informationen ausgetauscht, hier wir diskutiert, beratschlagt und geplant. "Es ist nicht nur ein, sondern der zentrale Ort im Ort geworden", konnte Feicht beobachten. Daher haben die THW-Helfer noch kurz vor ihrer Rückfahrt Sitzbänke gezimmert, die auf dem Dorfplatz von Onna aufgestellt wurden.

Die Zeit zuvor beschäftigten sich die Männer, die vorwiegend aus dem bayerischen Raum kommen, mit der Herstellung von Hilfsmitteln, die den Menschen im Abbruzzendorf das Leben etwas erleichtern sollen. Das begann beim Bau von Sichtschutzwänden für die Großküche, die sowohl Einwohner, als auch Hilfskräfte versorgt, und endet bei Treppenaufgängen unterschiedlichster Bauten. Dazwischen kümmerten sie sich um die elektrische Installation in Büro-Containern, begannen mit der Restaurierung von geretteten Kirchenmöbeln und überdachten einen Waschplatz, den die Frauen Onnas aufsuchen, um die Wäsche ihrer Familienangehörigen vom Schmutz und Staub wieder sauber zu bekommen.

Auch wenn das Hauptbeben schon ein paar Monate zurückliegt, so ereignen sich seit der Nacht zum 6. April immer wieder kleinere und größere Nachbeben. "Meistens spürt man sie überhaupt nicht", stellte Florian Feicht fest, doch vergangene Woche bewegte sich die Erde doch etwas stärker. Der Wert auf der Richterskala hatte eine Vier vor dem Komma und versetzte die Helfer in ein Unbehagen. "Zumindest weiß man jetzt, was es bedeutet, wenn sich die Erde bewegt", meint der Bogener THW-ler. Er lag nachts auf seinem Feldbett als er unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde und morgens feststellen musste, dass der Ofen im Zelt nicht mehr an der selben Stelle stand, als noch am Abend zuvor.

In diesen zwei Wochen, in denen Florian Feicht humanitäre Hilfe leistete, musste er auch mit ansehen, wie sich die eingestürzten Häuser veränderten: Mit jeder noch so kleinen Erdbewegung wurden die Risse in den Mauerwerken größer, fielen Steine herunter, stürzten Mauern um. Die Ruinen bedeuten daher für die Menschen vor Ort eine große Gefahr. "Aus bisherigen Untersuchungen weiß man, dass es wohl noch einige Hohlräume gibt, in denen vielleicht das eine oder andere Möbelstück heil geblieben ist, die eine oder andere Erinnerung unbeschädigt gerettet werden könnte", berichtet Feicht und befürchtet zugleich: "Ein Betreten der absolut desolaten Trümmerhaufen würde sicherlich die Steine und Mauernteile zum Nachrutschen bringen".

Was jetzt notwendig ist, das wäre der Einsatz von Räumgeräten und Fachkräften, die sich mit dem Abtragen von Gebäudetrümmern und dem Bergen von Gütern auskennen. Das diese Arbeit mit zu den primären Einsatzoptionen des Technischen Hilfswerk zählt, das weiß auch Bundeskanzlerin Angela Merkl. Sie war vergangene Woche im Rahmen des G8-Gipfeltreffens mit dem Italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ebenfalls im Bergdorf Onna eingetroffen. Unter anderem ließ sie sich von den THW-Helfern erzählen, was bislang durch die Einsatzkräfte der Bundesanstalt gemacht und erreicht worden sei. Florian Feicht fasst nach seiner Rückkehr die Antwort so zusammen: "Wir haben einen Beitrag dazu geleistet, die Not im Dorf zu lindern." Und mit diesem befriedigenden Gefühl weiß er auch, warum er Helfer beim THW ist.